Wer ist hier der Boss?

 

 

Seit ich Schach spiele, staune ich immer wieder über die Parallelen zum Leben.
Die kleinen dummen Bauern stehen an vorderster Front. Sie können nur schrittchenweise vorwärts marschieren.
Sie haben die Aufgabe, die Prominenz in ihrem Rücken zu schützen, fleißig Gegner aus dem Felde zu schlagen und
gefressen zu werden. Doch ab und zu gelingt es, daß so ein stures Bäuerlein mit List und Tücke die feindlichen Linien
unbeschadet überwindet und sich auf der Prominentenbank des Gegners zur Königin küren läßt. Welch ein Triumph
für meine sozialistische Seele.
Der König hingegen, oberster Chef aller anderen Figuren, ist wie ein Koloss mit gefesselten Beinen. Stets gejagt,
humpelt er ängstlich von Feld zu Feld. Nur ein Schritt ist ihm jeweils möglich. Er kann froh sein, wenn ihm seine Vasallen
gehorchen und decken, damit er sich hinter ihnen verstecken kann. Immer ist er bedroht. Welch ein armseliges Leben!
Seine Frau, die Dame, ist die wahre Herrscherin. Warum auch nicht? Sie nimmt dank ihrer außerordentlichen Beweglichkeit
die Zügel in die Hand. Sie dirigiert nach den Bauern die Läufer durch die geöffneten Linien. Diese fixen Knappen erkunden
die Möglichkeiten eines Angriffes.
Äußerst pfiffig sind die Pferdchen. Keck hüpfen sie im Überecksprung in eine strategisch wichtige Position, blockieren
gleich mehrere Wege des Gegners und bereiten oft, flankiert von den Läufern, den entscheidenden Angriff ihrer Königin
vor. Doch wehe, wenn ein Springerlein der Hafer sticht. Ein Hopser aufs falsche Feld und er sitzt in der Falle. Manchmal
opfert ja ein Läufer, des Sausens kreuz und quer müde, sein Leben und läßt sich für das Pferdchen killen.
Auf so eine Idee käme die Königin gar nicht. Wie sollte sie auch. Vom Schicksal mit den größten Möglichkeiten ausgestattet,
hält sie sich für die wichtigste Figur und ist es auch.
Also werden alle Untergebenen gnadenlos geopfert, zum Schluß auch der Turm, der gegen Ende der Schlacht wichtige
Aufgaben wahrnimmt. Vorher muß er immer erst beharrlich auf seinen Einsatz warten, doch ist er erst im Spiel, wirkt er wie
ein Bollwerk. Gewichtig wie er ist, braucht er Platz. Wenn die meisten Figuren die Festung verlassen und im Kampf ihr
Leben verloren haben, ist der Weg für ihn frei. Dann ist er in seinem Element. Wie beweglich und tollkühn dieser Klotz auf
einmal sein kann! Er und seine Herrscherin sind in der Lage, den feindlichen König ins Koma zu befördern.
Aber, oh Wunder, schafft das auch ein Bauer. Der scheinbar unbedeutendste im Spiel stellt sich am Ende manchmal als
mächtig heraus. Und ist gar seine Königin gefallen und hat er den mühsamen Weg aufs gegnerische Prominentenpodium
geschafft, ist er plötzlich der Boss.
.............................................................................Na, Parallelen?

..................................................................................................................................................Edelgard.Bierhahn................